Moppedtest“ mit schwerer Belastung, oder die gute alte Zeit.

 

Die Motorradsaison 2005 war zu Ende. Die diversen Motorräder ( der Hang geht zum Zweit- motorrad oder mehr) ruhten frisch geputzt in der Garage und gingen in den Winterschlaf.

Man ( das sind Peter und Rainer )setzte sich nach der Einmottung zusammen und ließ bei einem Bier die letzte Saison Revue passieren. Man war in Thüringen, in den Alpen, an der Ostsee, in Südfrankreich und fast jedes Wochenende in der näheren Umgebung, sprich im Sauerland ect.

So im Laufe des Abends kam man  auf frühere Jahre zu sprechen, in der die Motorräder noch anders aussahen, weniger Leistung hatten und nicht so zuverlässig waren.  Es sollte erwähnt werden, dass Peter mitte vierzig ist und Rainer die 60 schon überschritten hat. Das Leben hat es gut gemeint und sie haben eigentlich nicht aufgehört weiter zu wachsen; weniger in der Höhe, aber ganz gut in die Breite. Die Grenze von 260 KG gesamt wird locker überschritten.

Nach dem vielleicht 3. Bier fing Rainer von seiner Kreidler von 1963 an zu erzählen, wie das damals im vorherigen Jahrhundert so war. Es wurde immer gefahren, bei Wind und Wetter ohne ordentliche Schutzkleidung, in jede Disko und sowieso überall hin. Peter ebenso  auf Zündapp nur 15 Jahre später. Die“ Moppeds „waren damals soo gut ( echte deutsche Wertarbeit) und so. Mit jedem Bier und je später der Abend wurden die Maschinen besser. Dass alle paar Wochen ein neuer Zylinder, Kolben  und Vergaser fällig war, weil die alten im Tuningwahn kaputt gefeilt wurden, zählt nicht.

Sie saßen immer noch in der Garage und erfreuten sich am Anblick der Maschinen, als Rainer behauptet, die alten „Moppeds“ waren so gut, dass man damit unbesehen nach Italien fahren könnte. Nach ungefähr zwei weiteren Bieren kam der Gedanke, einen Vergleichstest zwischen 3 Generationen „Moppeds“ zu veranstalten und damit bis zum Gardasee zu fahren.

Zwischen den Motorrädern stand etwas schüchtern eine Schwalbe im Originallook, Baujahr 1986. Die passt schon, aber was brauchen wir noch ? Natürlich eine Kreidler!!! Bei Ebay wurde man fündig, Baujahr 1961 , Fußschaltung, Eiertank, Gebläsekühlung, aber mindestens schon einmal überholt. Von der Farbe her war es keine Kreidler. Die Maschine war 1961 von einer Oma in Frankfurt an ihren Enkel in Erfurt gegangen. In der ehemaligen DDR gab es kein Anthrazitlack, sondern nur Bleimennigen und Trabbiblauen. Der erste Anblick war ernüchternd, so klein hatte Rainer die Maschine gar nicht in Erinnerung; die Sitzbank  so kurz und schmal. Da sollten mal 2 Personen drauf gesessen haben?  Früher war doch alles größer und schöner!

Als Neuzeitfahrzeug wird ein Piaggio-Roller NRG, Vollautomatik, Scheibenbremsen, aus 2003 herhalten.  Das Jahr 2006 ging drauf, die Kreidler wieder aufzuarbeiten, die Schwalbe durchzuschmieren und die Fahrtroute festzulegen. Das war ein Problem, von Witten an der Ruhr nach Riva zum Gardasee, roundabaut 1100 KM. Bergauf geht schon, aber wie kommt man den Berg wieder runter? Wie sollen die Alu-Trommelbremsen 220 KG unter Kontrolle halten ohne wegzuschmelzen? - Mit Gottvertrauen und „langsam wirds wohl klappen“. Erst mussten noch 2 weitere Mitfahrer gefunden werden, einen für den Roller und einen für das Begleitfahrzeug. Manni und Arno ließen sich überzeugen uns zu begleiten.

Am 17. Mai ging es los. Ein Paketwagen wurde mit Ersatzteilen und Wechselwäsche beladen, ein Motorradhänger angehängt( man kann ja nie wissen ). Bei 125 KG Fahrerdurchschnittsgewicht konnten die „Moppeds“ nicht auch noch Gepäck tragen.

Man wundert sich, wie wenig man auf so einer alten Sitzbank sitzen kann. Die Punktewertung im Fahrkomfort geht widerspruchslos an den Piaggo - Roller. Strömender Regen begleitete uns das Lennetal hoch. Beim Aufstieg zum Rhein-Weserturm gab es die ersten Eindrücke. Der Roller ging den Berg hoch, als wäre das nichts. Durch die Automatik hat er immer die optimale Drehzahl, für die Kreidler passte der Aufstieg auch, 2. Gang hohe Drehzahl und ab die Post. Die Schwalbe war stark benachteiligt , nicht dass sie  nur 3 Gänge hat, mit Rainer musste sie auch noch das höchste Gewicht schleppen. Sie zeigte ihren Unmut darüber mit gelegentlichen Zündaussetzern. Das hatte zur Folge, dass der Schwung weg war und im 1. Gang kroch sie den Berg hoch. Nach einer Stärkung der Fahrer ging es Abwärts Richtung Biedenkopf und  Schotten.  Runter gings flott, Als Spitzengeschwindigkeit zeigte das GPS 72.6 `km/h an. Aber was wir befürchtet hatten war auch so, die Schwalbe und die Kreidler rechtzeitig abbremsen war schon eine Aufgabe. Weitsichtigkeit war angesagt, an eine Notbremsung dachte man lieber nicht. Die alte Rennstrecke Schottenring ließen wir seitlich liegen. Eine Zeitmessung  wäre eh nicht möglich gewesen, da die Sicht auf die Kirchturmuhr verdeckt war. Die Zündaussetzer an der Schwalbe waren immer noch da, beunruhigten aber noch niemanden. Das sollte sich ändern. Im Örtchen Hungen an eine Ampel streikte sie.

Zündkerze raus, an Masse halten, Funken überprüfen, und wie sie funkte, nur nicht am Pol, sondern überall. Neue Kerze aus der Reparaturabteilung geholt , eingeschraubt, angetreten und siehe da, der Motor lief wie neu. Die Karawane zog weiter mit zügigem Tempo , so um die 50 km/h, über Gelnhausen Richtung Lohr am Main.  Bei leichten Steigungen fiel die Kreidler auffällig weit zurück und irgendwann war sie nicht mehr zu sehen. Dann kam von hinten mit schneller Fahrt der Servicewagen auf. Oh oh, das bedeutete nichts Gutes, es war auch so! Jämmerliche Geräusche kamen aus den Tiefen des Kreidlermotors. Aufladen, festzurren, der Kreidlertest war beendet. Kurz vor Lohr wurde in einem Hotel Station gemacht. Peter befand sich an einem seelischen Tiefpunkt, schon am 1. Tag Totalausfall.

Da es am nächsten Tag ja weiter Richtung Süden gehen sollte, wurde beschlossen die Kreidler in ihre Geburtsstätte nach Kornwestheim zu schaffen, um vielleicht hier beim Kreidlerdienst „Hellmuth“ Hilfe zu bekommen. Die Anderen beiden setzten ihre Fahrt durch den Spessart und über die Schwäbische Alb Richtung Ulm alleine fort. Auf dem Gehweg vor dem Geschäft „Hellmuth“ schraubte Peter zwischenzeitlich den Motor auseinander, vielleicht waren ja nur Kolben und Zylinder defekt. Aber nein, das Pleuellager auf der Kurbelwelle hatte den Geist aufgegeben und das zeitliche gesegnet. Ohne Fremdunterstützung in einer Werkstatt, nur auf dem Gehweg oder einem Parkplatz war der Motor nicht zu reparieren.

Die Schwalbe und der Roller hatten zwischenzeitlich gut Strecke gemacht und außer nachtanken war nichts erforderlich.  Der Spritverbrauch hatte sich so um 3,0 Liter, auf 100/km eingependelt. In Ehingen an der Donau traf man sich wieder zur Übernachtung. So um die 320 KM Strecke pro Tag wurden erzielt, mehr hielt das Gesäß auch nicht aus. Die Schwalbesitzbank war mit dem Fahrergewicht klar überfordert. In der Konstruktionsabteilung von Simson in Suhl, war man  nicht von so schweren Genossen ausgegangen.

Also blieb die Kreidler auf dem Hänger und Peter und Arno konnten sich auf dem Roller ablösen. Durchs Allgäu gings auf direktem Weg über kleine und kleinste Straßen nach Bregenz am Bodensee. Fahrzeugmäßig gab es keine Probleme mehr. Beide Fahrzeuge verrichteten ohne jegliche Ausnahme ihre Arbeit. Durch den Bregenzerwald begann der Aufstieg zum Hochtannberpass. Der Piaggo Roller zog wie bisher im idealen Drehzahlbereich mit angemessener Geschwindigkeit den Pass hinauf, die Schwalbe musste runter in den 1. Gang und fuhr dann die letzte 10 km mit 18 – 20 km/h den Berg hinauf.  Bei dieser Geschwingkeit genießt man die Landschaft umso mehr und kann seine Zweiradkollegen beobachten, die mit den großen  Maschinen die Ideallinie fahren, die sich komischerweise mindest in der Fahrbahnmitte oder sogar auf der Gegenfahrbahn befindet. Toleranz gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmern ist hier nicht mehr gegeben. Ich kann mittlerweile verstehen dass andere Verkehrsteilnehmer, die sonst nicht mit Motorrädern unterwegs sind, nach Tempolimits und Straßensperrungen rufen. Überholvorgänge von starken Motorrädern die im 2. oder 3. Gang mit hoher Drehzahl Geschwindigkeiten weit über 100 km/h fahren, mit 1 m seitlichem oder weniger Abstand, bei Gegenverkehr an sich vorbeiziehen zu lassen, bedeutet aufstellen der Nackenhaare und man ist bemüht nicht den kleinsten Schlenker zu machen.

In Warth angekommen wurde eine Pause eingelegt, bei der sich Mensch und Maschine erholen konnten. Die Weiterfahrt ergab eine unvorhergesehene Verzögerung, da Peter mit dem Roller etwas später losgefahren war und die Abzweigung zum Flexenpass verpasst hatte und erst mal das Lechtal hinunter fuhr. Der Flexenpass  und Alberpass hoch, das gleiche Spielchen, Roller zügig hoch, Schwalbe 1. Gang und nach hinten hören um auf die Kollegen der Raserfraktion zu achten. Arlberg runter nach Landeck, dann Richtung Meran den Reschenpass hoch, Fahrt wie bisher, Italien erreicht. In Mals sollte wieder Nachtquartier bezogen werden. Arno war da früher schon mal, bezweifelte aber, dass die Schwalbe auf 5 km ca. 1000 Höhenmeter schafft. Hat sie ! 40 min. 1 Gang 40 Kehren oder mehr. Ausgelöst von den Vibrationen bei Vollgas zitterten erst nach dem 3. Grappa die Hände nicht mehr.

Am nächsten Morgen wurden bei der Abfahrt die Bremsen einem letzten Härtetest unterzogen. Der Roller hatte mit seiner hydraulischen Scheibenbremse vorn und Trommel hinten keine Probleme. Die Schwalbe bremste merkwürdiger Weise, je weiter wir runter kamen, immer besser, brauchte jedoch erhebliche Handkräfte an der Vorderbremse. Meine größte Sorge galt dem Bremszug. Würde sich dieser verabschieden, blieb mir nur die Hinterradbremse, diese hat zwar ein Gestänge, aber wie viel Hitze kann die Trommel ab.

Ich benutzte überwiegend die Handbremse, unterstützte mit der Hinterradbremse nur, wenn es gar nicht anders ging. Im Notfall hätte dann die Fußbremse bis zum Stillstand gereicht.

Über Meran ging die Fahrt dann weiter das Gampenjoch hoch. Das Prozedere war wie vor,

Roller in der Idealdrehzahl zügig den Berg hoch, Schwalbe im 1. Gang 45 Minuten mit 15 Km/h. Auf den Passhöhen wird  man schnell von anderen Reisenden angesprochen , meist von Autofahrern die in ihrer Jugendzeit auch mal ne  Kreidler oder ähnliches hatten. Von den „Motorradfahrern“ wurde man mitleidig belächelt, die Überheblichkeit von der Straße setzte sich auf dem Parkplatz fort. Eine Zusammengehörigkeit der Biker - egal nach Motorradtyp und Größe, wie in früheren Jahren, ist nicht mehr festzustellen.

Einen Schrecken gab es dann doch noch. In einem der vielen Tunnel vor Riva fing die Schwalbe an zu stottern. Bei der letzten Umdrehung des Motors war das Tunnelende gerade erreicht. Der Sprit war alle ! Aus dem Reservekanister wurde das Problem beseitigt und Riva del Garda erreicht.

Fazit: nach 1155,7 km, 27.59.01 Fahrtstunden netto und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 41,3 km/h:  Man kann auch mit den alten Maschinen unbesehen nach Italien fahren, jedoch braucht man gutes Sitzfleisch und gute Nerven um dem heutigen Verkehr auf den Straßen stand zu halten. Dass die Kreidler Florett , als Oldtimer Baujahr 1961 , mit Motorschaden liegen blieb, haken wir mal als Zufall ab, eigentlich hätte man das vorher schon merken müssen, aber die fällige Motorrevison sollte erst nach der Tour gemacht werden. Die Simson Schwalbe , als Youngtimer Baujahr 1986, aus der ehemaligen DDR hat ihre sprichwörtliche Zuverlässigkeit bewahrheitet. Der Piaggo NRG Roller ist wie alle modernen

Fahrzeuge heute, komfortabel, sicher, perfekt und langweilig.

Erzählen wir unseren Enkel weiter, wie schön die gute alte Zeit war, in der man noch vorausschauend fahren musste, um allen Hindernissen rechtzeitig ausweichen zu können.

Ich danke Peter, Manni und Arno, die ihre Hightech Bikes in der Garage ließen und die Strapazen auf sich nahmen, um mit mir und den „Moppeds „ nach Italien zu fahren.

Rainer Siegfried